Sobald man Laufen kann, wird uns Struktur eingeflößt. Es wird der Tag verplant und schließlich folgt die ganze Woche. Je älter man wird, desto detaillierter scheint man sein Leben im voraus planen zu müssen. Ich stütze mich hier bewusst auf den Ausdruck des Zwanges, denn so scheint die allgemeine Gesellschaft es sich zu wünschen. Es reicht nicht, den Tag in morgens – mittags – abends zu gliedern.
Mein Leben lang war ich immer beeindruckt davon, wie strukturiert manche Menschen sind. Meine Freunde in der Schule hatten Hefter, die so ordentlich waren, dass sie einem Lexikon ähnelten. Sie hatten saubere Terminkalender, sortierte Stifte und einen vorbestimmten Wochenplan. Nicht selten habe ich versucht, diese beeindruckende Organisation zu übernehmen. Aber bei mir hat das nie hingehauen. Meine Mappen wirkten immer unordentlich und meine Terminkalender sahen aus, als hätte ich sie eine Woche im Regen liegen lassen – vorausgesetzt, ich hatte überhaupt einen. Vielleicht ist es so, wie mit weißen Klamotten. Manche können eine weiße Hose den ganzen Tag lang tragen, ohne sie zu beschmutzen. Ich brauche nur an weiße Kleidung zu denken und sehe schon Tomatenflecken drauf.
Dann wird man älter und es reicht nicht mehr, einen Plan für seine Woche zu haben. Man muss den Monat vorausplanen und früher oder später kommt jeder zu dem Punkt, an dem man sich mit der Zukunft auseinander setzen muss. Man muss nicht nur ein Jahr vorausplanen, nein, sogar mehrere. Mein fehlender Drang nach dieser Strukturiertheit hat mich dabei stetig begleitet. Die Selbstständigkeit verlangt viel Ordnung, so dass ich ständig unter Strom stehe, dieser auch Gerecht zu werden. Aber schauen wir erst noch mal zurück, da gibt es ja so einen berühmten 5-Jahres-Plan. Ich bin zwar erst 24, aber ich kann euch sagen: Ich hatte bereits zehn von diesen 5-Jahres-Plänen.
Die Kindheitsplanungen erspare ich euch, denn um die Essenz dieses Beitrages begreifbar zu machen reichen auch meine letzten Ideen. Ich rede hier übrigens nicht von den kleinen Hirngespinsten die jeder mal hat, sondern wirklich von konkreten Planungen und effektiven Umsetzungen in diese Richtung.
2008 hätte ich alles dafür getan, Pferdewirtin zu werden (ich war sogar als Praktikantin auf dem Landgestüt Sachsen-Anhalt). Hätte ich meinem Plan von 2010 verfolgt, würde ich wahrscheinlich gerade in Brighton sitzen und dort Graphic Design studieren (Die Anmeldungen und nötigen Checklisten habe ich übrigens immer noch hier rumliegen). 2012 hätte ich beinahe mein eigenes Grafikteam gehabt (immer hin bin ich dem Grafikdesign mit meiner damaligen Ausbildung treu geblieben). Mein vergangenes Ich aus 2013 würde jetzt in Australien am Great Barrier Reef auf einem Touristenschiff arbeiten (ich habe sogar geplant, vorher hier meinen Tauchschein für bessere Jobchancen zu machen). Mein anderes Ich aus 2013 hätte übrigens gerne auf einer Auffangstation in Namibia gearbeitet (eine Liste mit möglichen Kontakten und Stationen befindet sich noch in meinem Emailprogramm). Obwohl die Fotografie schon lange da war, habe ich also erst relativ spät wirklich ernst darüber nachgedacht.
Wozu zähle ich das hier eigentlich auf? Um euch eins klar zu machen: Eure Träume ändern sich und daran ist nichts verkehrt. Ihr seid dadurch nicht unzuverlässig, nicht unentschlossen, nicht unreif. Ihr seht Möglichkeiten in der ganzen Welt und das ist keine schlechte Eigenschaft.

Ich finde es bedauernswert, dass es so schwierig geworden ist, seine Träume wirklich umzusetzen. Würde ich zum Beispiel jetzt entschließen, doch lieber Biologin werden zu wollen (ähm ja, als ob), müsste ich diverse Qualifikationen nachholen und würde damit wohl erst Mitte Dreißig wirklich tätig sein können. Ähnlich übrigens bei jedem anderen Berufsfeld.
Das hat mir kurz Angst gemacht.
Was, wenn ich in 5 Jahren nicht mehr das sein will, was ich jetzt bin? Was, wenn ich es dann aber sein muss, weil die Alternative mir zu viel Zeit rauben würde? Schließlich gibt es dann Verpflichtungen zu erfüllen, Rechnungen zu begleichen und natürlich muss man dem Wunschbild der Gesellschaft gerecht bleiben in dem man mit spätestens Ende Dreißig eine Familie mit Haus hat. Was, wenn ich in 10 Jahren entscheide, doch nach Australien zu gehen? Oder in einer Auffangstation in Namibia zu arbeiten? Oder auf eine ganz andere verrückte Idee komme? All diese Fragen schwirren dauernd in meinem Kopf, obwohl ich dazu eigentlich gar keinen Anlass habe.
Nichts wird deine 20er mehr ruinieren als zu glauben, dass du bereits dein ganzes Leben geordnet und verplant haben musst. Du musst noch nicht wissen, wer du bist. Du musst auch nicht wissen, was du werden möchtest. Das, was du gerade tust, muss dir nicht dein Leben lang gefallen, deshalb darfst du den Moment genießen. Deshalb darfst du dein Herz da rein stecken und dich darin verlieren. Du musst dir diese Tür aufhalten, um dich entwickeln zu können. Nur so kannst du deine Lehren aus den getroffenen Entscheidungen ziehen und sie nicht als verschwendete Zeit ansehen. So hast du die Möglichkeit wirklich das zu tun, was deiner Seele momentan am besten tut. Dann bist du frei.

Momentan habe ich das Glück, so zu leben, wie ich es möchte. Dazu gehört die Kleinstadt, der Beruf, mein Umfeld. Ich weiß aber auch, dass mein Leben so nicht für immer aussehen wird. Ich weiß, dass ich nach Australien und Namibia gehen werde. Ich werde auch noch viele andere Länder sehen. Ich weiß, dass mein unersättliches Reisefieber irgendwann zu meinem Beruf gehören wird. Was ich auch weiß ist, dass Pferde und die Fotografie immer eine Rolle in meinem Leben spielen werden. Ich bin mir auch sicher, dass der Weg, den ich gerade gehe, mich für viele weitere Jahre sehr glücklich machen wird, aber ich vergesse nicht, dass dort draußen so viel mehr ist. Wieso machen wir uns also alle so verrückt? Oder besser gesagt: Von wem lassen wir uns verrückt machen?
In den letzten Wochen ist mir klar geworden, dass es einem viel mehr Angst machen sollte, wenn man mit Mitte 20 schon das Gefühl hätte, alles gesehen und erlebt zu haben. Ich meine, im besten Fall lebt man doch noch 60 Jahre oder gar mehr – wär das nicht ein bisschen langweilig?

Seinen Traum zu verfolgen, hat einen Preis. Egal wie kurz oder langwierig dieser Traum sein mag. Man muss seine Gewohnheiten – besonders die schlechten – preisgeben, um sich den Weg frei zu machen. Man muss einen steinigen Pfad beschreiten, man erlebt mehr Enttäuschungen als man sich vorstellen kann, und manchmal ist man dabei sogar ganz alleine. Aber egal wie hoch der Preis für den Traum ist, er ist niemals so hoch wie der Preis den Menschen zahlen müssen, die niemals wirklich gelebt haben.

Liebste Grüße,
deine

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Written by Carina Maiwald
Carina hat vor einiger Zeit ihr Herz verloren. Erst an Pferde, dann an die Fotografie. Ihre dritte Leidenschaft, das Reisen, fügt alles zu ihrer persönlichen Definition eines selbstbestimmten Leben zusammen. Ihre Fotografien sind preisgekrönt und erscheinen international in verschiedenen Medien, u.a. National Geographic und CNN. Im Jahr 2016 wurde sie gleich Zwei mal unter die "Top 10 Pferdefotografen weltweit" gewählt. Auf diesem Blog teilt Carina nicht nur ihre Texte und Fotos - sondern vor allem ihre Erfahrungen und Gedanken. Eine ausführliche Beschreibung findest du hier auf der "Über Carina"-Seite.