Eigentlich könnte dieser Blogeintrag als kürzester Artikel aller Zeiten in die Geschichtsbücher meines Archivs eingehen, denn er besteht nur aus einem Satz:

Wenn der Kunde nicht korrekt mit seinem Tier umgeht, packe ich meine Sachen und gehe.

Okay, okay – so einfach ist es leider nicht. Wie also definieren wir korrekten Umgang und wo liegen seine Grenzen? Was ist Grauzone, was ein absolutes No Go?

Ich selbst musste mir vor einiger Zeit diese Frage stellen und habe lange darüber gegrübelt, was ich toleriere und was nicht. Der Auslöser für diese Gedanken war ein Shooting, das ich tatsächlich abgebrochen habe, weil mir das Handling mit dem Pferd nicht gefiel. Ich rede hier nicht von kleinen Banalitäten (was nicht heißt, dass ich solche toleriere), sondern von dem Worst-Case-Szenario. Ein Umgang, der mir beim bloßen Zusehen ein Stich ins Herz versetzt hat.

Vor einigen Jahren war ich bei einer Westernreiterin für ein Shooting gebucht. Sie wollte sich in der Halle warmreiten, um spektakuläre Sliding Stop Bilder mit ihrem 24 jährigen Wallach zu fotografieren, der eigentlich schon in Rente war. Während ich draußen ein Jungpferd fotografierte, hörte ich es aus der Halle immer wieder poltern. So naiv, wie ich damals war, dachte ich mir nichts dabei. Als ich die Reithalle betrat, wurde mir klar, woher das dumpfe Aufprallgeräusch kam. Sie praktizierte Fencing – und zwar ziemlich brutal (Begriffserklärung: Es handelt sich hierbei um eine Trainingsmethode, mit der dem Pferd durch Stoppen vor Wänden/Zäunen/Toren beigebracht werden soll, den Sliding Stop möglichst einfach, punktgenau und kontrolliert auszuführen. Diese Methode sollte normalerweise so stressfrei wie möglich für das Pferd sein. In diesem speziellen Fall wurde es angewandt, um dem Pferd möglichst viel Angst vor dem schmerzvollen Aufprall zu machen).
Der arme Rentner wurde mehrere Male gezielt mit der Stirn gegen die Bande geritten. Beim ersten Mal schaute ich geschockt zu, dachte, das wäre ein Versehen. Beim zweiten Mal fragte ich, was das solle. „So trainieren wir das. Das muss so.“ Wow – wenn das schon vor ‚Publikum‘ ausgeführt wird, was passiert dann erst, wenn hier mal niemand zusieht?
Der Wallach stand prustend, mit aufgerissenen Augen aber in völliger Demutshaltung an der kurzen Seite, wartete auf sein Signal, erneut gegen die Wand geritten zu werden.
Ich sagte streng, dass ich nicht verhindern könnte, was hinter geschlossenen Türen abläuft. Aber während ich hier bin, wolle ich so einen Umgang mit einem Tier – meinem Fotomodel – nicht sehen. Sie sagte, dass der Trainer das so will und der Sliding Stop sonst nicht vernünftig aussehen würde.
Ich erwiderte, dass das keine Rolle spiele. Dafür bin ich Fotografin. Durch Perspektive und Position kann ich es so aussehen lassen, als wäre es unheimlich spektakulär. Sie ignorierte dies und ritt erneut auf die Wand zu, mit dem Hinweis, dass sie danach bereit wäre.
Ich teilte ihr erneut mit, dass ich diesen Umgang nicht toleriere, packte meine Sachen und verließ den Hof.

Nach solch einem Erlebnis kommen einem eine Menge Gedanken. Besonders beim frischen Start als Fotografin, in dem man noch um jeden Kunden kämpfen muss, tut so etwas weh. Ich entschied jedoch, dass die Schmerzen, die diesem Pferd zugefügt wurden, mir wichtiger waren, als ein paar Euro auf meinem Konto.
Selbst, wenn man es ganz nüchtern betrachten möchte, kann solch ein Kunde niemals Gutes bedeuten. In den Branchen wissen die Leute, was dort vor sich geht. Die Reiterwelt ist bekanntlich klein. Möchte man wirklich mit so jemandem in Verbindung gebracht werden? Empfiehlt er dich dann vielleicht weiter in solche Kreise? Für was?
Ich musste bereits erleben, dass gegen Pferde die Hand erhoben wurde. Der Strick knallt, die Führkette zischt, die Zügel zu straff, das Pferd in eine Rollkur geritten wird. Ignoriert habe ich sowas nie.

Leihe deine Stimme denen, die keine haben.
Natürlich ist der Kunde bei so einem besonderen Tag des Fotoshootings auch nervös und vor allem, wenn nicht alles nach Plan läuft, überträgt sich dieses Verhalten auf das Pferd. Hier gilt es, sensibel zu unterscheiden, was ungewollt aus dem Moment entsteht und was das Resultat von langwierigem Fehlverhalten ist. Kann man riskieren, das Gespräch zu suchen oder ist Hopfen und Malz verloren, so dass man besser das Weite sucht? Hilft das dem Pferd? Erstaunlicherweise zeigen sich viele Menschen beeindruckend einsichtig, wenn man harsches Verhalten und seine vermeintlichen Wurzeln anspricht.

Meistens ist das Problem am anderen Ende des Stricks: Der Mensch. Manche Pferde rempeln nur, weil sie den Menschen nicht als Partner akzeptieren. Einige Hengste sind nervös, weil sie keinen artgerechten Ausgang genießen dürfen. Das Pferd ist steif im Genick, weil die Hinterhand nicht korrekt geritten wird oder der Sattel vielleicht gar nicht passt. Alles Situationen, in denen ich mich bereits wiederfand. Je nachdem, wie offen der Kunde in dem Moment war, konnte ich eine Verbesserung durch Aufklärung erzielen oder bin ohne Fotos auf der Speicherkarte wieder nach Hause gefahren. Es ist wichtig, sich und seinen Prinzipien treu zu bleiben. Am Ende darf man aber nicht vergessen, dass man ’nur‘ Fotograf ist und kein Trainer, Sattler, Therapeut oder gar Arzt.

Beschäftigt man sich ausgiebig mit dem Verhalten und der Ausdrucksweise der Pferde, wird einem schlagartig bewusst, wie viele Kuschelbilder, die im Internet so rumgeistern, eigentlich völlig unharmonisch aussehen. Ziehene Zügel, schlaffe Ohren, blasse Augen. Kein Glanz. Kein Stolz. Keine Freude an Zusammenarbeit.
Mittlerweile bin ich sehr froh, was für Menschen ein Fotoshooting bei mir buchen. Dadurch, dass ich mich ganz offen für einen gewissen Umgang mit Pferden stark mache und Anfragen ablehne, die nicht meiner Ethik entsprechen, erlebe ich kaum noch fragwürdigen Umgang.
Ich weiß aber, dass er existiert und ich sehe auf vielen Fotos, dass er vom Fotografen ignoriert wird. Manch einer wird einfach keine Ahnung von der Materie haben, aber die meisten sind sich vollständig bewusst, was sich dort vor ihren Augen abspielt. Natürlich darf der Fotograf niemals die Rolle des Trainers übernehmen – was aber nicht bedeutet, dass wir nicht darauf achten dürfen, was vor unseren Augen passiert. Schließlich steht auf diesen Bildern euer Name.
Ich möchte euch bitten, das Hirn nicht auszuschalten und die Augen nicht blind werden zu lassen, sobald ihr durch den Sucher schaut. Für euch mag es nur ein Foto sein, für das ihr Geld bekommt, aber für das Pferd ist es deutlich mehr.

Diese Thema ist viel komplexer, als man denkt. Es geht hier wirklich nicht um eine gesunde Nervosität beim Shooting, sondern um absolute Worst-Case Szenarien Ab wann darf man sich überhaupt einmischen? Wie kommuniziere ich Fehlverhalten ohne Streit anzufangen, wo ziehe ich meine Grenzen und was tun, wenn der Besitzer nervös oder sehr anspruchsvoll ist? In meinem am 31.07. erscheinenden eBook habe ich diesem speziellen Thema ein ganzes Kapitel gewidmet. Melde dich hier für den Newsletter an und erhalte eine Woche im voraus das erste Kapitel – natürlich kostenlos. Dort wird dann ausführlich behandelt, wie ich mit Besitzern umgehe, deren Pferde nur unruhig oder ’schwierig‘ sind. (EDIT: Leider hat es das Thema nicht in die Endproduktion geschafft. Das eBook behandelt dafür auf über 70 Seiten nicht minder wichtigere Themen. Dieses Jahr erscheinen noch zwei weitere eBooks, in denen ich mich u.a. mit der Ethik in der Pferdefotografie und dem passenden Kundenumgang befassen werde) Meistens kann man hier nämlich auf ganz einfache Tricks zurückgreifen. Wenn alle Stricke reißen, wird das Shooting eben vertagt. Wie auch wir, können Pferde mal mit dem falschen „Huf“ aufstehen. Wenn dies der Fall ist, biete ich den Pferdebesitzern einen kostenlosen Wiederholungstermin an, nach dem wir alle glücklicher sind.

Natürlich interessiert es mich sehr, ob ihr ähnliche Erfahrungen machen musstet und wie ihr mit so etwas umgegangen seid. Wo legt ihr eure Grenze und habt ihr schon mal ein Shooting abgebrochen? Oder andersrum: Wollte der Fotograf mal etwas von dir und deinem Pferd, was absolut nicht in Ordnung war? Lasst es mich in den Kommentaren wissen!

Liebste Grüße,
deine

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Ich helfe dir, deinen besten Weg zu finden!
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Written by Carina Maiwald
Carina hat vor einiger Zeit ihr Herz verloren. Erst an Pferde, dann an die Fotografie. Ihre dritte Leidenschaft, das Reisen, fügt alles zu ihrer persönlichen Definition eines selbstbestimmten Leben zusammen. Ihre Fotografien sind preisgekrönt und erscheinen international in verschiedenen Medien, u.a. National Geographic und CNN. Im Jahr 2016 wurde sie gleich Zwei mal unter die "Top 10 Pferdefotografen weltweit" gewählt. Auf diesem Blog teilt Carina nicht nur ihre Texte und Fotos - sondern vor allem ihre Erfahrungen und Gedanken. Eine ausführliche Beschreibung findest du hier auf der "Über Carina"-Seite.