Nichts ist genug. Gar nichts. Und man selbst sowieso nicht. Oder?

Wir befinden uns in einer Zeit, in der es keinen Maßstab für Perfektion gibt. Die Gesellschaft spaltet sich und entscheidet selbst, was die Definition ist.
Dieses Prinzip macht auch vor den Fotografen nicht halt, und besonders nicht vor jenen, die es werden wollen. Jeder möchte Nachwuchs – aber keiner möchte ihn sehen. Die heranwachsende Fotografengeneration muss besonders eines sein: Perfekt.
Immer gut gelaunt. Immer bereit, einen Termin zu vereinbaren. Egal, wie voll oder leer der Kalender ist. Natürlich mit Zwinkern und Witzen in jedem zweiten Satz. Die Preislisten dürfen keine Fehler aufweisen, weder im Text, noch im Inhalt. Die Website muss professionell programmiert sein, die Visitenkarten noch warm vom Drucker, die SEO Einstellungen ein einziges Kunstwerk.

Der Grat zwischen „Ich bin perfekt“ und „Ich bin defekt“ ist verdammt schmal.

Eine kürzlich empfangene Mail inspirierte mich zu diesem Beitrag. Ich wurde darauf angesprochen, wie ich meinen Instagramaccount führe und weshalb ich mich so sehr auf das „Niveau von jungen Menschen hinablasse“ (Zitat). Schließlich ist mein Portfolio ganz anders aufgebaut. Das wäre kein Ausdruck eines erfahrenen, erfolgreichen Fotografen.

Meine Antwort lautete wie folgt:

Hallo (piep),
vielen Dank für deine Ratschläge bezüglich meines Social Media Auftrittes. Ich habe deine Worte sehr ernst genommen, ob mein Prinzip auf Instagram wirklich vertretbar mit meiner Philosophie ist. Letztendlich bin ich nach langer Überlegung zu dem Punkt gekommen: Es entspricht nicht nur meiner Philosophie, es ist obendrein auch noch authentisch. Ich bin trotz des Accounts eine international tätige Fotografin, die mit Geschäftspartnern und Kunden einen gewissen Umgang pflegt. Aber weißt du, was ich außer Fotografin auch bin? Einfach nur Mensch. Und das darf die Zielgruppe, die ich auf Instagram für mich erschlossen habe, sehr gerne sehen. Darüber hinaus bin ich trotzdem erfolgreich, und zwar in all den Bereichen, die mich erfüllen.
Vielen Dank für dein Feedback,
Carina

(Da mein Gegenüber nichts einzuwenden hatte und die Frage nicht böse an mich gerichtet war, verblieben wir in nettem Kontakt. Ich habe die freundliche Genehmigung erhalten, dies hier mit euch zu teilen.)

Also, fassen wir einmal zusammen. Der Schreiber hat genau das zwischen die Zeilen einfließen lassen, was ein Großteil der Welt ebenso sieht: Du machst einen Fehler, bist lückenhaft, und letztendlich macht dich das unprofessionell. Nicht konkurrenzfähig. Für immer verloren im Bermudadreieck der Amateurfotografen. Oder?

Ich sehe das allerdings ganz anders.

Erstens, ist es normal, Fehler zu machen. Fehler bedeuten, dass du Dinge ausprobierst und aus ihnen lernen kannst. Fehler helfen dir auch, bodenständig zu bleiben. Fehler fordern dich heraus. Machen dich zu einem stärkeren Menschen – als Persönlichkeit, und im Business.

Zweitens, muss der Nachwuchs nicht perfekt sein. Dafür ist schließlich die alteingesessene Profiliga da. Aus Erfahrung kann ich sagen: Der Weg wird so schon ziemlich schwer. Wir stolpern, weil wir nicht wissen, wie man läuft. Wir drücken auf falsche Knöpfe, verirren uns mal in der Bildretusche, und vergessen die Speicherkarte zu leeren. Wir schrauben die Gegenlichtblende falsch auf. Wir fragen bei Blitzen und 1/800s, was der schwarze Balken soll. Sowas passiert den Besten. Aber nur, weil ihr einmal in der Postproduktion zu viel rot in euer Bild gemischt hat, bedeutet das nicht, dass ihr Müll seid. (Vielleicht das Bild, das müsste man im Einzelfall betrachten ;)) Aber niemals – niemals – ihr.

Drittens, ist Perfektion nichts anderes, als ein ruhiger Nachmittag auf der Terrasse. Mit einer Tasse Tee in der Hand, den Blick auf’s Meer gerichtet. Ach nee, Moment. Perfektion war fehlerlos. Am Tee könnte ich mich verbrühen, also ersetzen wir ihn mit Wasser. An der Terrasse könnte ein Balken brechen, also lieber nach innen vor das Fenster gesetzt. Am Nachmittag passieren statistisch gesehen die meisten Haushaltsunfälle. Ach Gottchen, also lieber abends? Nein, Einbrüche. Morgens? Na, lassen wir das. Das Meer ist sowieso eine ganz schlechte Idee: Tsunami und so. Also: Perfektion ist, keine Risiken einzugehen. Nichts auszudrücken. Du gibst den Ängsten nach, die dich anschließend lenken und besitzen. Der Druck ist ziemlich hoch, kein Balken hält dem stand. Also lass einfach mal los.

Lasst uns lieber mal ein bisschen unperfekter sein.

Zu viel rot benutzen, um zu merken, wann wir die Grenze überschreiten. Die falsche Phase fotografieren, um zu sehen, wann die Richtige kommt. Bei einem tollen Bild fehlfokussieren, um nächstes Mal besser drauf zu achten. Es geht nie alles rund, also zeigt eure Outtakes. Falsche Anreden. Duzen, wenn Siezen angebracht wäre. Fehler sind da, um aus ihnen zu lernen.

Kleiner Tipp am Rande: 
Es gibt viele Menschen, die die selben Fehler machen. Also lasst uns die Aussage nochmal korrigieren. Die Fehler der anderen sind da, um aus ihnen zu lernen. Benutzt Google. Fragt eure Freunde. Bittet jemanden um Rat, wenn ihr euch verirrt habt. Niemand, der es aufrichtig gut mit euch meint, beißt euch den Kopf ab. Und wenn doch, dürft ihr zurück beißen.

Liebste Grüße,
deine

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Written by Carina Maiwald
Carina hat vor einiger Zeit ihr Herz verloren. Erst an Pferde, dann an die Fotografie. Ihre dritte Leidenschaft, das Reisen, fügt alles zu ihrer persönlichen Definition eines selbstbestimmten Leben zusammen. Ihre Fotografien sind preisgekrönt und erscheinen international in verschiedenen Medien, u.a. National Geographic und CNN. Im Jahr 2016 wurde sie gleich Zwei mal unter die "Top 10 Pferdefotografen weltweit" gewählt. Auf diesem Blog teilt Carina nicht nur ihre Texte und Fotos - sondern vor allem ihre Erfahrungen und Gedanken. Eine ausführliche Beschreibung findest du hier auf der "Über Carina"-Seite.