Wenn es um die Bildbearbeitung in der Tierfotografie geht, scheiden sich oftmals die Geister. Natürlichkeit trifft auf Inszenierung und es ist schwierig für sich zu entscheiden, wie viel digitale Einmischung in das Bildmaterial vertretbar ist. Meine Intention in der Umsetzung eines Fotos ist, das Pferd in seinen intensivsten Momenten so abzulichten, so dass man sein individuelles Wesen in seiner natürlichen Vollkommenheit sieht. Dies bedeutet auch, das ich ähnlich wie in der Peoplefotografie eine Beautyretusche an meinen Models durchführe. Hier stellt sich die Frage: Welche Macke entferne ich und welche Narbe lasse ich stehen? Und warum mache ich das eigentlich?

Macken, Insektenstiche und Fellproblemchen

Wenn ich das Pferd in seiner schönsten Ausstrahlung ablichten möchte, gehört es dazu, das ich temporäre Störfaktoren entferne. Da überlege ich gar nicht lange. Bei einem Menschen würde ich einen Kratzer oder einen Pickel schließlich auch entfernen. Mein Leitsatz ist hier: Alles, was innerhalb von einer gewissen Zeitdauer von selbst wieder verschwinden würde, das entferne ich auf meinen Fotos.
Besonders oft betrifft dies Fotos von Pferden, die viel Auslauf haben oder in einem Offenstall leben. Diese schöne Haltung bringt einen kleinen Nachteil für Fotografen mit sich: Die Models haben oftmals viele Kratzer/Macken durch das Spielen mit Artgenossen oder weisen eine Menge Stiche von Bremsen und anderen Blutsaugern auf. Die Pferde stört das gar nicht – aber uns auf den Fotos schon irgendwie. Da diese kleinen Mäkel nur temporär sind und nicht zu einem festen Bestandteil des Pferdes gehören, entferne ich sie.

Diese gif-Animation verdeutlicht, was Beauty-Retusche am Gesamteindruck verändern kann. Das Pferd selbst wird nicht manipuliert, jedoch kann sich der Betrachter durch die Entfernung von Macken im Fell und die Hervorhebungen mit Dodge & Burn auf den Ausdruck im Gesicht konzentrieren.

Narben

Anders verhalte ich mich bei Narben. Während Bremsenstiche innerhalb von wenigen Tagen wieder verschwinden und Verletzungen bald wieder mit Fell überwachsen sind, gehören Narben zu der Geschichte des Pferdes – und damit zu seiner Persönlichkeit, die ich abbilden möchte. Ich persönlich plädiere immer dafür, Narben stehen zu lassen. Da Privatkunden aber oftmals unterschiedlicher Meinung sind, ziehe ich sie hier zu Rate, bevor ich an die Retusche gehe. Die einen sagen „Nein, das ist ein Schönheitsfehler, mach das ruhig weg.“ und die anderen sagen „Das gehört zu meinem Pferd und mindert seine Schönheit nicht – bitte stehen lassen“. Ich bin sogar der Meinung, das viele Narben die Schönheit des Pferdes noch unterstreichen. Nicht selten führte die Situation der Narbe dazu, die Bindung zwischen Mensch und seinem Partner noch zu verstärken (wie z.B. bei einem Unfall) oder erinnern uns daran, wie viel sie gemeinsam gewachsen sind (z.B. bei Misshandlungs-Narben und Vertrauensproblemen). Bei Verkaufspferden muss man besonders aufpassen, was man stehen lässt und was wegretuschiert, da man ansonsten unwahre Tatsachen erschaffen könnte, die den potentiellen Käufer täuschen.

Dieses Foto ist über 3 Jahre alt und dennoch habe ich die Geschichte, die zu der Narbe der Stute gehört, nicht vergessen: Als junges Pferd ist sie durch eine Scheibe gesprungen.

Eine ganz andere Situation stellt sich dar, wenn man eine Reportage oder Dokumentation fotografiert. Da hier das Anliegen sein sollte, die gegebenen Tatsachen möglichst gut in Szene zu setzen, bin ich der Meinung, das man wenig bis gar nicht am Tier retuschieren sollte. So haben z.B. die Wildpferde aus meiner Fotoserie all ihre Narben, Macken und Dreckflecken behalten. Kaum ein Haar wurde verändert. Der Schwerpunkt liegt hier einfach woanders und ich möchte so eine Serie nicht dafür nutzen, Tatsachen zu verdrehen oder zu verfälschen. Auch bei einer Werbekampagne gehe ich mit Schönheitsmakeln anders rum. Je nach Auftrag geht es hier schließlich darum, ein Produkt zu bewerben oder eine festgelegte Wirkung zu erzielen – die Narben eines Pferdes würden hier eher nebensächlich sein und in den meisten Fällen wegen Ablenkung vom Hauptmotiv entfernt werden.
Abschließend bleibt also zu sagen, das man ähnlich wie bei Farblooks nicht blind darüber entscheiden sollte, ob man etwas retuschiert oder nicht. Auch hier gilt es, immer zu hinterfragen, ob das Element die Bildaussage stört, nur sekundär ist oder diese sogar unterstützt. Wenn du dich dafür interessierst, wie ich die oben umgesetzten Retuschen durchführe oder wie mein gesamter Workflow aussieht, kannst du dich gerne über dieses Videotraining informieren.

 

Liebste Grüße,
Deine 

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Written by Carina Maiwald
Carina hat vor einiger Zeit ihr Herz verloren. Erst an Pferde, dann an die Fotografie. Ihre dritte Leidenschaft, das Reisen, fügt alles zu ihrer persönlichen Definition eines selbstbestimmten Leben zusammen. Ihre Fotografien sind preisgekrönt und erscheinen international in verschiedenen Medien, u.a. National Geographic und CNN. Im Jahr 2016 wurde sie gleich Zwei mal unter die "Top 10 Pferdefotografen weltweit" gewählt. Auf diesem Blog teilt Carina nicht nur ihre Texte und Fotos - sondern vor allem ihre Erfahrungen und Gedanken. Eine ausführliche Beschreibung findest du hier auf der "Über Carina"-Seite.