Dies ist der abschließende (dritte) Teil meines Reiseberichts.
Die anderen Teile findest du hier: Teil 1Teil 2
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Der nächste Tag zeigte sich regnerisch und der Wind pfiff durch die Türen des alten Jeeps, in dem wir fuhren. Immer wieder wurde unsere Sicht von tief hängenden Wolken getrübt. Die Pferde haben ihren gestrigen Standort verlassen und waren nirgends zu sehen. Wir fuhren umher, über Stock und Stein, abseits der festen Wege und fanden trotzdem kein einziges Wildpferd. Fast unmöglich schien es uns, dass sie über Nacht so eine weite Strecke zurück gelegt haben. Wieso sollten sie das tun, wenn doch alles dort war, was sie brauchten?
Immer wieder stiegen die Ranger aus und hielten Rücksprache, suchten mit dem Fernglas den Horizont ab und schlugen neue Richtungen ein.

Schnell führte uns der Weg durch ein tiefes Tal, an dessen Ende alte und zerfallene Ruinen dem trüben Wetter eine mystische Atmosphäre verliehen. Die alten Mauerreste sahen beeindruckend aus und sofort stieg Enttäuschung in mir auf, als auch hier keine Pferde zu finden waren. Der nasse Boden war voller Hufspuren, deshalb mussten sie kürzlich hier gewesen sein. Meine Enttäuschung wurde allerdings schnell von einem anderen Gefühl abgelöst. Als wir den Jeep drehten, um den engen Pfad zurück zu fahren und die Ruinen hinter uns zu lassen, überkam mich die Vermutung, beobachtet zu werden. Später sollte sich herausstellen, dass ich nicht die Einzige war, die zu diesem Zeitpunkt ein mulmiges Gefühl hatte.

Die Suche wurde wieder aufgenommen. Obwohl wir mittlerweile mehrere Stunden unterwegs waren, waren wir immer noch überzeugt davon, die Wildpferde schließlich zu finden.
Wir überquerten flaches Grasland und fuhren an der andere Seite wieder ins Gebirge. Die Landschaft war hügeliger als jene vom vorigen Tag und plötzlich traten die ersten Pferde in unser Blickfeld. Es war eine kleine Gruppe von nur drei Tieren. Einige Zeit später erkannten wir durch die Regentropfen wieder eine kleine Herde. Die große Population, die am Tag zuvor noch gemeinsam am Wasserloch war, schien auseinander getrieben worden zu sein.

Wir suchten weiter, um die größeren Herden ausfindig machen zu können. Immer mehr häuften sich die Sichtungen einzelner Wildpferde.
Als wir auf einem großen Hügel auf eine größere Herde stießen, beschlossen wir, hier inne zu halten. Wie am Vortag waren die Pferde neugierig und kamen uns sehr nahe. Dennoch behielten wir das Gefühl, dass etwas anders war als gestern.

Einige Teilnehmer entfernten sich von den Jeeps und so beschloss auch ich, die Gegend um uns herum zu erkunden. Ich steuerte auf das nächste Tal zu und wurde von dem starken Wind immer wieder aus der Balance gebracht. Glücklicherweise hilft so ein Wind dabei, die Wolken schnell voran zu treiben, so dass sich Regen und Sonne immer wieder abwechselten. Als das Tal zu meinen Füßen lag, verschlug es mir den Atem.
Die großen Herden haben Schutz vor dem Wind und Regen gesucht und sich in Talsenken zum Dösen zurück gezogen. Schaut man flach über das Land, erkennt man sie durch die Höhenunterschiede gar nicht. Hinter der nächsten Hügelkette waren noch mehr zu finden. Manche erkannte ich vom Vortag wieder, andere waren mir neu. Nochmals wurde beschlich uns das Gefühl, dass in der letzten Nacht etwas vorgefallen sein musste.

Zurück bei unseren Jeeps wurde ich sofort von einer kleinen, braunen Fellnase begrüßt. Muli – eine Dame, wie sie im Buche steht. Die Maultierstute wurde vor einiger Zeit von Bauern ausgesetzt, so dass sie seither das Leben als Bestandteil der Wildpferde genießen darf. Als Maultier ist sie unfruchtbar und das scheint Muli ganz genau zu wissen: Sie strengt sich gar nicht an, den vielen Hengsten zu gefallen. Scheinbar hat sich diese Tatsache herum gesprochen, denn Muli wechselt die Herden, wie es ihr passt. Sie lässt sich nicht schubsen, nicht treiben und zieht ihr eigenes Ding durch. Wenn der Hengst die Herde vorantreibt, interessiert das Muli nicht die Bohne. Besonders deutlich demonstrierte sie ihren eigensinniger Dickkopf an jenem Nachmittag.
Mulis Herde zog nach viel Streicheleinheiten von dannen. In der Entfernung standen mehrere Junghengste und beobachteten aufmerksam, wie weit sich die Herde (bzw. der Leithengst) von Muli entfernten. Die Stute hatte nämlich nur Augen für uns und das Gras unter unseren Füßen.

 Jeder, der das Verhalten von Wildpferden kennt weiß, dass die Junghengste einen Jackpot geknackt hatten: Eine einsame Stute. Die Chance!
Sie kamen vorsichtig näher, während Muli beschloss, die Verfolgung ihrer Herde aufzunehmen. Die beiden Halbstarken befanden sich nur noch ein paar Meter von Muli entfernt, als sie erkannten, wen sie vor sich hatten. Unbeirrt lief Muli im geschmeidigen Tempo weiter und würdigte die beiden Hengste keines Blickes. Die Hengste verharrten plötzlich und musterten Muli, bevor sie in eine andere Richtung weitergezogen. Die kleine Stute hat scheinbar einen Ruf, der ihr voraus eilt.

Als wir beim Abendessen im Restaurant angekommen waren und uns über das Erlebte austauschten, fiel das Thema wieder auf das unheimliche Gefühl bei den Ruinen, dass viele in der Gruppe geteilt haben. Einige betitelten es damit, sich beobachtet gefühlt zu haben. Uns alle beschlich Besorgnis an diesem Ort.
Schließlich schnitt Maksida ein Thema an, dass Klarheit in diese Situation brachte: Bosniens unberührte Natur war noch immer Heimat für Wölfe. Sie äußerte die Vermutung, dass die Herde in der letzten Nacht in dem Tal von diesen überrascht wurde. Zur Fohlenzeit ist dies gar nicht so ungewöhnlich. Das würde erklären, wieso die Pferde so zerstreut waren und in kürzester Zeit eine enorm weite Strecke zurück gelegt haben, die eigentlich untypisch für sie wäre.
Das Tal war an einer Seite von dunklen Tannen umgeben. Wurden wir tatsächlich im Verborgenen beobachtet? Vielleicht war auch alles Einbildung – aber können 10 unabhängige, erwachsende Menschen zum selben Zeitpunkt das gleiche beklemmende Gefühl entwickeln? Kann man so etwas noch Zufall nennen?

Ich glaube daran, dass es auf der Erde mehr gibt als das, was wir mit den Augen sehen und mit den Händen anfassen können. Manche Dinge werden für uns wohl immer ein Mysterium bleiben. Dazu gehören auch die Wildpferde mit ihren Geschichten. Sie haben mir so vieles beigebracht und dennoch hat sich mir ihre Welt nicht vollständig offenbart. Sie luden mich ein, ihr Leben zu erkunden und ich werde diese Erfahrung niemals vergessen.

Momentan arbeite ich noch an der endgültigen Fotoserie. Erste Einblicke davon könnt ihr euch auf meinen internationalen Portfolio ansehen. Aufgrund der gehäuften Nachfragen: Die Fotos aus der Bosnienserie kann man bereits als hochwertigen Print erwerben. Schickt mir dafür gerne eine Email und ich lasse euch meine Preisliste zukommen.

Dies ist der abschließende (dritte) Teil meines Reiseberichts.
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Written by Carina Maiwald
Carina hat vor einiger Zeit ihr Herz verloren. Erst an Pferde, dann an die Fotografie. Ihre dritte Leidenschaft, das Reisen, fügt alles zu ihrer persönlichen Definition eines selbstbestimmten Leben zusammen. Ihre Fotografien sind preisgekrönt und erscheinen international in verschiedenen Medien, u.a. National Geographic und CNN. Im Jahr 2016 wurde sie gleich Zwei mal unter die "Top 10 Pferdefotografen weltweit" gewählt. Auf diesem Blog teilt Carina nicht nur ihre Texte und Fotos - sondern vor allem ihre Erfahrungen und Gedanken. Eine ausführliche Beschreibung findest du hier auf der "Über Carina"-Seite.