Dies ist der zweite Teil meines Reiseberichts.
Die anderen Teile findest du hier: Teil 1Teil 3
Hier kommst du zur vollständigen Fotoserie

Sobald wir das Auto verließen, wurden wir von neugierigen Nüstern begrüßt. Die besonders mutigen Herdenmitglieder haben sich bereits um den Jeep versammelt und warteten nun geduldig darauf, was als nächstes passieren würde.

Die Wildpferde in Bosnien sind größtenteils auf sich alleine gestellt. Sie trotzen dem permanenten Wind, der in ihrem Gebirge weht und sie überstehen die Hitze des Sommers. Bei Krankheit suchen sie sich die richtigen Kräuter und legen jeden Tag unglaublich weite Strecken zurück. Sie sind es gewohnt, dass Menschen in einem Auto zu ihnen fahren. Jedoch ist es immer eine Überraschung, wie sie auf die Gruppe reagieren. Wenn die Herde eine unruhige Zeit hatte, geht sie lieber auf Abstand.

Nachdem ich mich für die ersten Fotoaufnahmen von den neugierigen Pferden entfernt habe und mir einen Überblick über die Lage verschaffen wollte, spürte ich bereits, dass schon wieder eine Nüster in meinem Nacken schnüffelte. Diesmal schlich sich ein einziges Pferd von hinten an und schaute mich mit großen, erwartungsvollen Augen an, als ich mich langsam zu ihm umdrehte.
Ganz charmant bat das Pferd mich darum, ihn unter dem Kinn zu kraulen. Irgendwann fand ich heraus, dass er auch hinter dem Ohr und am Mähnenansatz gekuschelt werden wollte. Es dauerte nicht lange, und er fing an meiner Schulter damit an, die Streicheleinheiten zu erwidern. Wie zwei Pferde während der Fellpflege standen wir für eine ganze Weile einfach nur da und kraulten einander. Das Glück, das einen durchströmt, wenn man eine Verbindung zu solch einem wilden Tier aufbaut, ist unbeschreiblich. Bedingungsloses Vertrauen ist sehr zerbrechlich und kann sich so schnell in Luft auflösen, wie der Wind, der in den Bergen um unsere Ohren pfiff. Wir tauschten Blicke und Geschichten aus, bis er zufrieden zu seiner Herde zurückkehrte.

 Vielen Dank an Maksida, dass sie diese Begegnung festgehalten hat.

Welche Wirkung unsere Bewegung auf Pferde hat, die nicht durch den Menschen abgestumpft sind, ist erstaunlich. Es reicht, den Kopf schnell nach links zu drehen, um die Tiere zu verscheuchen. Als eine Leitstute auf mich zusteuerte, brauchte ich nur die Schulter anheben und ihr in die Augen sehen, um sie zum Stehen zu bewegen. Mit erschreckender Klarheit wird einem hier bewusst, wie wenig eigentlich nötig ist, um sich mit der Körpersprache verständlich zu machen. Wie viele unbewusste Signale geben wir unseren eigenen Pferden, die sie dann missverstehen?
Wie viele Herden sich an dem Ort zusammen gefunden haben, konnte ich gar nicht sagen. Egal, in welche Richtung man blickte: Überall Pferde. Große und kleine Herden. Junghengste, Stuten, Fohlen, Leithengste. Sie spielten, sie kämpften, sie fraßen und sie schliefen.
Wir konnten uns unter den Pferden bewegen, als würden wir dazu gehören. Immer wieder kamen einige Individuen einer Gruppe zu uns, um uns näher zu betrachten.
Während ich umher lief, um die einzelnen Herden zu fotografieren und sie näher kennen zu lernen, begriff ich schnell, wie viele unterschiedliche Charaktere ich hier um mich hatte. Obwohl unzählige Pferde um uns herum liefen, würde ich heute noch jedes davon wieder erkennen. Sie durchströmt eine starke und vitale Energie, als hätte die Sonne sie damit beschenkt. Für einen Tag lang habe ich gespürt, was es heißt, sich wie der Teil eines Ganzen zu fühlen. Wir sprachen nicht dieselbe Sprache, hatten nicht dieselbe Kultur, und wir sahen uns definitiv nicht ähnlich. Dennoch gehörten wir alle zusammen. In mir hat es sich wie Zuhause angefühlt.

Nach Perioden, in denen die Pferde friedlich nebeneinander grasten und die Fohlen behüteten, kam immer wieder Dynamik in die Herden. Die Hengste fingen an, ihre Stuten zu verteidigen oder die jüngeren Konkurrenten erprobten ihre Kräfte. Nicht selten führten sie ihre Drohungen oder gar Kämpfe direkt neben uns aus. Erstaunlicherweise haben sie uns in all der Aufregung nicht einmal übersehen und den Abstand immer mit Respekt behandelt.
Ein anderes Mal kam ich einem schlafenden Fohlen so nahe, wie es selbst domestizierte Pferde bei Fremden selten dulden. Als ich drei Meter von ihm entfernt war und mich leise weiter anpirschte, wurde die Mutter, die in etwas Abstand graste, auf mich aufmerksam. Während ich weiterhin vorsichtig näher rutschte, kam die Mutter und stellte sich neben ihren Nachwuchs, versperrte mir aber nicht den Weg. Wieder einmal wurde mir ein Grundvertrauen entgegen gebracht, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Und alles, woran ich denken konnte war: Vermassel‘ das nicht!

Nach mehreren Stunden bei den Wildpferden wurde es Zeit, die Herde zu verlassen. Einige Pferde haben sich bereits von der Stelle, an der unsere Jeeps standen, entfernt und bewegten sich langsam im Richtung des nächsten Wasserlochs. So beschlossen wir, den Tag zu beenden und fuhren mit unseren Autos wieder ab.
Im Hotel angekommen wurde es Zeit, das Geschehene zu reflektieren. Noch immer konnte ich nicht fassen, was dort oben in den Bergen wenige Stunden zuvor passiert war. Was ich erleben durfte. Ähnlich ging es den anderen Mitreisenden, weshalb wir eine kleine Pause im Hotel einlegten, bevor wir zum Abendessen aufbrechen wollten. Ich war müde von der Reise und dem Wind im Gebirge und beschloss, mich kurz auszuruhen. Mein Körper wollte schlafen, mein Kopf nicht. Mein Herz übrigens auch nicht. Als ich im Bett lag und für eine Stunde die Augen schließen wollte, hämmerte es wie wild. Ein bisschen fühlte es sich an, als ob ich es bei der Herde verlassen habe. Renn frei, kleines Herz. Aber bitte, komm bald wieder.

Es ist unmöglich, all das Erlebte in zwei Teilen zu berichten. Deshalb entschied ich mich dazu, diesen Reisebericht ausführlich zu gestalten und einen dritten Teil zu schreiben. Darin erfahrt ihr, wieso wir am nächsten Tag fast die Hoffnung aufgegeben hätten, die Wildpferde nochmal zu sehen und wie ein Muli die ganze Herde auf den Kopf stellt.

Momentan arbeite ich noch an der endgültigen Fotoserie. Erste Einblicke davon könnt ihr euch auf meinen internationalen Portfolio ansehen. Aufgrund der gehäuften Nachfragen: Die Fotos aus der Bosnienserie kann man bereits als hochwertigen Print erwerben. Schickt mir dafür gerne eine Email und ich lasse euch meine Preisliste zukommen.

Dies ist der zweite Teil meines Reiseberichts.
Die anderen Teile findest du hier: Teil 1Teil 3

 

Share:
Written by Carina Maiwald
Carina hat vor einiger Zeit ihr Herz verloren. Erst an Pferde, dann an die Fotografie. Ihre dritte Leidenschaft, das Reisen, fügt alles zu ihrer persönlichen Definition eines selbstbestimmten Leben zusammen. Ihre Fotografien sind preisgekrönt und erscheinen international in verschiedenen Medien, u.a. National Geographic und CNN. Im Jahr 2016 wurde sie gleich Zwei mal unter die "Top 10 Pferdefotografen weltweit" gewählt. Auf diesem Blog teilt Carina nicht nur ihre Texte und Fotos - sondern vor allem ihre Erfahrungen und Gedanken. Eine ausführliche Beschreibung findest du hier auf der "Über Carina"-Seite.