Dies ist der erste Teil meines Reiseberichts.
Die anderen Teile findest du hier: Teil 2 – Teil 3
Hier kommst du zur vollständigen Fotoserie

Das monotone Quietschen der Achsen des Jeeps nahmen wir zu dem Zeitpunkt gar nicht mehr wahr. Die flachen Gräser, auf denen wir fuhren, bargen große Steine unter sich, so dass die Räder des Wagens seit einer halben Stunde ziemlich stark beansprucht wurden. Immer wieder hüpften wir in unseren Sitzen auf und ab. Trotzdem warfen wir uns nach jeder leeren Grasfläche, die in unser Blickfeld kam, ein zuversichtliches Lächeln zu. Die Vorfreude war groß, die Erwartung hoch, das Bauchgefühl unentschlossen. Nochmal musste der Allrad des alten Jeeps angeschmissen werden, um uns über ein paar größere Steine zu befördern. Plötzlich bewegte sich etwas am Horizont. Mein Herz machte augenblicklich einen Sprung. Eine bunt gesprenkelte Masse war zu sehen. Neugierig lehnten wir uns in den Sitzen nach vorne, als uns zeitgleich bewusst wurde: Wir haben sie gefunden – die Wildpferde.

Wiebke und ich sind uns in einer Sache ziemlich ähnlich: Wir suchen immer das Außergewöhnliche. Etwas, wovon nicht jeder weiß, was nicht jeder erlebt hat. Besonders dann, wenn man auf eine schwierige Situation aufmerksam machen kann. Meinen Job mit einer Berufung verbinden zu können, blieb mir glücklicherweise nicht verwehrt.
Anfang des Jahres haben wir uns dazu entschlossen, dem Abenteuer eine weitere Chance zu geben. Ich sehne mich nach dem gewissen Etwas, das meinem Leben dieses wundervolle Kribbeln schenkt. Wiebke erzählte mir nach Recherchen davon, dass es in Bosnien eine Frau geben soll, die Touren zu Wildpferden anbietet. Ich war fasziniert von der Idee, von Maksida’s Philosophie und stimmte der Reise sofort zu. Die Tour und die Flüge waren schnell gebucht. Erst, als ich meinen Eltern davon erzählte, wurde mir klar, in welches Land wir wirklich reisen. Sätze wie „Hast du dich beim auswärtigen Amt informiert, wie die Lage vor Ort ist?“ oder „Könnt ihr da wirklich alleine hin?“ haben sich nicht nur in meinem Kopf eingenistet, sondern auch in meinem Bauch.
In Bosnien und Herzegowina war Krieg. Das ist gar nicht so lange her. Vor knapp 21 Jahren ging dieser zu Ende und obwohl der Frieden seitdem beständig ist, so hat man als Ausländer immer einen bitteren Beigeschmack auf der Zunge, wenn man den Namen ausspricht. Gab es da nicht Mienen? Wurden die alle gefunden? Wie sieht der Konflikt mit den anderen Ländern aus? Mit der Zeit kamen mir diese elementaren Fragen immer lächerlicher vor. Schließlich würde Bosnien doch nicht zur EU gehören, wenn es dort große Probleme gäbe. Auch das Nachbarsland Kroatien würde dann kaum solch ein großer Touristenmagnet sein.
Ich entschied, meinem Bauchgefühl zu vertrauen und die Reise einfach auf mich zukommen zu lassen.

Mit Zwischenstopp in München ging es für Wiebke und mich am 01. Mai schließlich nach Split (Kroatien), welcher der nächstgelegene Flughafen war. Bereits wenige Minuten nach der Landung war ich froh, meinem Bauch einen Vertrauensbonus gewährt zu haben. Wir wurden schon von den anderen Teilnehmern erwartet und die bereitstehenden Fahrer konnten uns ohne Verzögerung nach Bosnien befördern. Als wir die Grenze passiert haben, änderte sich die Landschaft. Die großen Wälder wichen immer mehr steinigen Graslandschaften und die Häuser wirken zunehmend moderner. Auf dem Weg fielen uns einige neue Baustellen auf und im Gesamten machte das Land einen ziemlich normalen Eindruck auf uns. Alle Aufregung (meiner Eltern) war umsonst. Dies würde sich die nächsten Tage noch mehrfach bestätigen.

Unser Ziel war Livno. Die Großgemeinde umfasst ca. 37.000 Einwohner und liegt am Fuße der Gebirgslandschaft, in der die Wildpferde ihr weitestgehend ungestörtes Leben genießen. Hier wurden wir in einem einfachen, aber schönen Hotel untergebracht. Maksida Vogt erwartete uns dort und begrüßte uns herzlich. Die kleine Frau mit der Löwenmähne hat einen Wow-Effekt an sich, den man nur schwer in Worte fassen kann. Sobald sie über die Wildpferde und ihre Beziehung zu ihnen spricht, funkelt es in ihren Augen.
Anschließend bekamen wir die Möglichkeit, uns in unseren Zimmern frisch zu machen und fuhren gemeinsam in das Stadtzentrum, um Geld zu wechseln und zu Abend zu essen. In Bosnien gilt die Konvertible Mark als Währung, deren Wechselkurs bei (ca.) 1€ = 2 Mark liegt.
Im Restaurant fiel mir der letzte, kleine Stein vom Herzen: Als Vegetarier würde ich mich hier nicht nur von Beilagen ernähren müssen. Maksida hat ein tolles Restaurant ausgesucht, dass viele vegetarische Mahlzeiten anbietet, von denen manche sogar vegan sind. Die Nahrungsmittel stammen größtenteils aus der Region – der kleine Umweltschützer in mir machte Purzelbäume vor Freude. Für einen frischen, gemischten Salat, eine selbstgemachte Tomatensuppe so wie für die Hauptspeise Gnocchi (selbstverständlich auch hausgemacht) habe ich umgerechnet nur 4,50€ bezahlt. Und was soll ich sagen: Es waren die besten Gnocchi, die ich bisher gegessen habe.

Das gemeinsame Abendessen gab uns die Möglichkeit, die Teilnehmer der Tour näher kennen zu lernen und den Ablaufplan der nächsten Tage zu besprechen. In der Gruppe befanden sich Österreicher, Schweizer und wir Deutschen. Eine bunte Truppe, die jedes Alter vertrat, aber in der wir alle eine Sache gemeinsam hatten: Wir wollten Wildpferde sehen, sie verstehen und ihre Weisheiten mit nach Hause nehmen.

Nachdem der nächste Tag mit einem Snackeinkauf und Frühstück begonnen wurde, warteten die Jeeps auf uns. Jetzt wird’s ernst – wie aufregend! Obwohl der Wetterbericht Regen vorausgesagt hatte, blieben wir optimistisch. Oben in den Bergen könnte es schließlich schon wieder ganz anders sein. Wir teilten uns auf 3 Jeeps auf und fuhren los.
Nach einiger Zeit und den ersten Höhenmetern verwandelten sich die Asphaltstraßen in Schotterwege. Schließlich kamen wir in ein Gebiet, in dem sich nur die Ranger  und ortsansäßigen Bauern auskannten. Die Schotterwege wurden zu einer ausgefahrenen Grasspur und schließlich wurde es Zeit, den Weg vollständig zu verlassen. Wir fuhren über Gräser und Steine, fotografierten die großartige Landschaft, die sehr abwechslungsreich aber immer sattgrün vor uns lag und spürten eine immer größer werdende Vorfreude in uns aufkeimen. Schließlich erreichten wir ein kleines Wasserloch. Die erste Sichtung. Ein Hengst bewegte ein schlafendes Fohlen dazu, aufzustehen und trieb seine beiden Stuten vom Wasser weg. Die Ranger blieben ruhig. Nach einiger Zeit befanden sich die Pferde bereits auf dem nächsten Hügel, während sich der Leithengst immer wieder nach uns umschaute um zu überprüfen, ob wir ihnen folgen. Obwohl dieses Erlebnis nur sehr kurz war, hat es bereits etwas in uns ausgelöst. Die Pferde waren bei weitem keine Bundessieger, keine heißblütigen Zuchtgewinner, aber dennoch haben sie eine so starke und edle Ausstrahlung, dass uns die Tränen in die Augen stiegen.
Der Chefranger hielt immer wieder an, um mit dem Fernglas nach der größeren Herde Ausschau zu halten. Das monotone Quietschen der Achsen des Jeeps nahmen wir zu dem Zeitpunkt gar nicht mehr wahr. Die flachen Gräser, auf denen wir fuhren, bargen große Steine unter sich, so dass die Räder des Wagens seit einer halben Stunde ziemlich stark beansprucht wurden. Immer wieder hüpften wir in unseren Sitzen auf und ab. Trotzdem warfen wir uns nach jeder leeren Grasfläche, die in unser Blickfeld kam, ein zuversichtliches Lächeln zu. Die Vorfreude war groß, die Erwartung hoch, das Bauchgefühl unentschlossen. Nochmal musste der Allrad des alten Jeeps angeschmissen werden, um uns über ein paar größere Steine zu befördern. Plötzlich bewegte sich etwas am Horizont. Mein Herz machte augenblicklich einen Sprung. Eine bunt gesprenkelte Masse war zu sehen. Neugierig lehnten wir uns in den Sitzen nach vorne, als uns zeitgleich bewusst wurde: Wir haben sie gefunden – die Wildpferde.

Dies war der erste Teil meines Reisebericht zu unserem Besuch bei den Wildpferden in Bosnien. Hier kommt ihr zum zweiten Teil des Artikels! Darin nehme ich euch mit zu meiner ersten Berührung mit den Wildpferden und werde euch Maksida und ihre Academia Liberti etwas näher bringen. Ich versuche, das Gefühl, das ich dort hoch oben in den Bergen zwischen den Wildpferden empfunden habe, zu beschreiben und vielleicht bringe ich mit den ersten fotografischen Ergebnissen der Tour euer Herz ein bisschen zum hüpfen.

Die Reise ist Bestandteil einer von mir langjährig geplanten Fotoserie. In Bosnien hat sie nun endlich ihren Anfang gefunden und ich freue mich darauf, dieses Projekt in den nächsten Jahren zu vervollständigen.

Dies ist der erste Teil meines Reiseberichts.
Die anderen Teile findest du hier: Teil 2 – Teil 3

 

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Written by Carina Maiwald
Carina hat vor einiger Zeit ihr Herz verloren. Erst an Pferde, dann an die Fotografie. Ihre dritte Leidenschaft, das Reisen, fügt alles zu ihrer persönlichen Definition eines selbstbestimmten Leben zusammen. Ihre Fotografien sind preisgekrönt und erscheinen international in verschiedenen Medien, u.a. National Geographic und CNN. Im Jahr 2016 wurde sie gleich Zwei mal unter die "Top 10 Pferdefotografen weltweit" gewählt. Auf diesem Blog teilt Carina nicht nur ihre Texte und Fotos - sondern vor allem ihre Erfahrungen und Gedanken. Eine ausführliche Beschreibung findest du hier auf der "Über Carina"-Seite.